Erst Porno, dann Schnick Schnack Schnuck
Berlin (Kalaschnikow) - „Abends lagen Dunhuang und Xiaorong schweißgebadet im Bett, zu träge, um nur einen Finger zu rühren. Keiner wollte den Porno, der gerade lief, ausschalten, also spielten sie eine Partie Schnick, Schnack, Schnuck. Duanhuang verlor, stand auf und schaltete den Fernseher und DVD-Player aus. Er wollte die DVD gerade in die Hülle zurücklegen, da kam ihm – nackt, wie er war, den Zeigfinger im Loch in der Scheibenmitte – eine Eingebung. „Ich werde Pornos verkaufen.“
In diesem Tonfall geht es im Laufschritt durch Peking, wir lernen den kriminellen Dunhuang kennen, als er gerade aus dem Gefängnis entlassen wird. Da pfeift ein böser Wind um unbehauste Ecken, Sand kriecht in alle Ritzen und Poren. Zur zitierten Zeit einige Monate später hat der 25jährige Held einiges und einige ausprobiert und wärmer ist es auch, viel zu warm. Schnoddrig und abgeklärt schlagen die jungen Leute sich durch, tippen in ihre Handys, verkaufen DVDs und reden über Filmtitel, kaum über ihren Inhalt. Überhaupt fehlt den Figuren und Handlungssträngen Tiefe, kurz nach der Lektüre verraucht der Inhalt als flüchtiges Sandwölkchen, gern hätten wir geschmeckt und gekostet, wie Peking riecht, wie ein junger Mann, der unermüdlich mit seinen Plastikscheibchen durch die Stadt läuft, sieht, staunt und stolpert. Er hadert kaum, schreit und bäumt sich nicht auf gegen dieses jämmerliche Schicksal, alles ist wie in Watte gepackt. Selbst Prostitution und das dazugehörige Milieu wirken etwas lau, nochmal ne Partie Schnick, Schnack, Schnuck gefällig?
Vielleicht kommt dem 1978 geborenen Autor beim nächsten Roman etwas mehr Leben unter. Dann könnten sich zwischen Sätzen wie den folgenden ganze Kapitel ausbreiten; „Im Juli und August wurde das Wetter unerträglich heiß, bis es sich allmählich wieder abkühlte. Im August hatten sie beide Geburtstag. Dunhuang wurde sechsundzwanzig, Qiabo vierundzwanzig. Sie suchten sich einen Tag aus, der zwischen den beiden Geburtstagen lag, kauften sich einen kleinen Kuchen und teilten ihn. Dann kochte Qiabo noch etwas, und sie tranken ein paar Bier – und das war alles.“
Xu Zechen "Im Laufschritt durch Peking" Übersetzt von Marc Hermann, 176 Seiten, Berliner Taschenbuch Verlag, 2009, 8,90 €