Die ganze Geschichte der ständigen Vertretung der BRD bei der DDR
Annotation zum Buch `Das «weiße Haus»` von Jacqueline Boysen
Berlin (Kalaschnikow) - Ein Wow! entfuhr mir geräuschvoll nach der Lektüre dieses feinen Werkes. Und ich überzeugter Nichtraucher dachte einen Moment darüber nach, eine glimmende Zigarette zum Mund zu führen.
Frau Boysen entführt den unschuldigen Leser in das Labyrinth deutsch-deutscher Geschichte.
Sie behandelt ausführlich, kenntnisreich und sehr lesbar die Geschichte der StäV.
Das Buch ist mal spannend wie ein Agententhriller, mal feinsinnig wie ein Sittengemälde, mal dramatisch wie eine Rettung Schiffbrüchiger auf hoher See.
Die StäV öffnete nach langjährigen innerdeutschen Verhandlungen 1974 ihre Pforten. Im Jahr, als die DDR die BRD anlässlich der WM im eigenen Land 1:0 schlug. Im Jahr, als Willy Brandt nach Bekanntwerden des Spionagefalls Günter Guillaume zurück trat.
Denkbar ungünstige Voraussetzungen. Dennoch entwickelte sich das weiße Haus schnell zu einer Oase der Freiheit inmitten Honeckers grauem Ostberlins. Ein Ort des Gedankenaustauschs und der Information für viele DDR-Intellektuelle, eine Anlaufstation für Verzweifelte noch-DDR-Bürger, für etliche eine Stätte der Menschlichkeit.
Natürlich gaben die knapp achtzig Mitarbeiter auch ihr bestes im persönlichen deutsch-deutschen Miteinander. Romanzen werden geknüpft, politische Häftlinge in DDR-Gefängnissen betreut, Abenteuer gesucht. Menschen werden für viel Geld von Angestellten der StäV in den Westen geschmuggelt. Es wird aus Überzeugung verraten, einmal trifft es sogar den höchsten Mann Bonns in der DDR.
Das Buch ist mehr als ein verstaubtes Geschichtswerk, es macht Vergangenheit lebendig und lässt uns Anteil nehmen an schicksalhaften Begegnungen.
Keine schwedische Gardine wird nicht gelupft. Keine Spur wird ausgelassen, sei sie auch noch so verzwickt.
Informativ, unterhaltsam, geistreich.
Jacqueline Boysen: Das «weiße Haus» in Ost-Berlin. Die ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR, 336 Seiten, Ch. Links Verlag, Berlin 2009, 29,90 Euro.