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Ich fühle mich so frei, mich zu benutzen

Buchpremiere im Berliner Kino Babylon – eine Lesung mit Siri Hustvedt

Foto: © Rowohlt/dpa
Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt betrachtet das Erzählen als Heilungsprozess.


Berlin (Kalaschnikow) - Siri Hustvedt las gestern Abend im Kino Babylon vor ausverkauftem Haus. Ihr zarter Kopf, das hell leuchtende, zu einem Dutt aufgedrehte Haar, ihre schwingenden gespreizten Finger, das Lächeln – alles an dieser Frau verzauberte ihr vorwiegend weibliches Publikum in jeder Sekunde. Sie las aus ihrer neuesten Veröffentlichung „Die zitternde Frau – eine Geschichte meiner Nerven“. Ihr Eigenerleben ermächtigt sie zu dieser Prosa einer Krankheitsgeschichte, wie sie im anschließenden Gespräch mit Bernhard Robben gesteht. Sie erlaubt sich im Sinne einer Fallstudie, über sich selbst zu sprechen, mal in der ersten, mal in der dritten Person.

Mit 27 Jahren, während ihrer Flitterwochen, tritt das Zittern in Hustvedts Leben, nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 2003 erscheint es häufiger und beginnt, sie zu nerven. Mit warmer Stimme liest Siri Hustvedt routiniert lange Absätze aus dem neuen Werk, korrigiert die deutschen Kommentare ihres Partners auf dem Podium und lächelt ins Publikum. Sie versteht beachtlich gut deutsch und nickt unmerklich bei Wörtern wie „Doppelgängertum“. Jeder Mensch wolle nur eine Erzählung für sich selbst finden, meint Siri Hustvedt auf die Frage, warum es sich lohne, Krankheitsgeschichten literarisch zu bearbeiten. In Ihrer eigenen Geschichte gäbe es wiederkehrende Momente, vorsprachliche Erinnerungen an später sich manifestierende Erscheinungen. Dazu gehören kindliche Eindrücke, die ein späteres Zittern vorwegnehmen und die Faszination und Identifizierung mit Puppen, die sie schon an Kokoschka fesselte. Sie könne nicht erklären, warum die Puppe so beherrschend für sie sei, eine Figur, ein Leichnam, ein Motiv, das ihr innewohne. Wie die geköpfte, die kopflose Frau, ein geteilt sein des Körpers. Das Empfinden ihrer Zitterkrankheit, der Körper als zweigeteiltes Wesen, das unterhalb des Halses ein Eigenleben entwickelt - diese Wahrnehmung und den Schrecken darüber kann Hustvedt glaubhaft vermitteln. Im Gesang ihrer Sprache bleibt das Erstaunen über die Welt und ihre absurden Wunder, die ihre Romane bevölkern, erhalten.

Aus ihrem Munde klingt das Orakel weniger erschreckend, als es sich später in der mattgrauen Berliner Schneenacht anfühlt, sie entlässt uns mit einem gehauchten „everybody is sick!"

  • Autor: Anne Hahn
    E-Mail: redaktion@kalaschnikow.de
    Abfassungsdatum: 05.02. 2010
    Foto: © Rowohlt/dpa
    Verwertung: Politmagazin Kalaschnikow
    Quelle: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 05.02. 2010

© 1995 - 2010 KALASCHNIKOW Maximilianstraße 3-4, 13187 Berlin - Kalaschnikow ISSN 1865-2662