Berlin (Kalaschnikow) - In seiner Kritik des Gothaer Programms unterscheidet Marx nach der „Periode der revolutionären Umwandlung“ zwischen einer ersten Phase einer kommunistischen Gesellschaft, die noch etliche „Muttermale der alten Gesellschaft“ besitzen würde und wo sich die Verteilung der individuellen Konsumgüter nach der geleisteten Arbeitszeit richte und einer „höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“, in der die Arbeit „erstes Lebensbedürfnis“ geworden sei und wo die Verteilung nach den Bedürfnissen erfolge. Wichtig ist zunächst, dass beide Phasen weder Ware noch Geld kennen, dass also zusammen mit dem Wertgesetz die tiefsten Wurzeln von Kapitalismus und Krise beseitigt sind.
„Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebenso wenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte.“ (1)
Ein solcher „Verein freier Menschen“, wie Marx eine solche kommunistische Gesellschaft auch nannte, würde mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten. Die Arbeit wäre keine Lohnarbeit mehr. Sie wäre nicht länger zersplittert in eine große Zahl selbständiger und voneinander unabhängiger kapitalistischer Unternehmungen. An deren Stellen träten die von vornherein assoziierten Produzenten, die ihre Arbeit gemeinschaftlich planten, und die nicht länger unter den Gesetzen der Märkte stehen würden.
1. Zu den Voraussetzungen des Sozialismus
Diese neue Gesellschaft war für Marx kein Hirngespinst, nicht irgendein Dogma, das irgendwann ausgedacht und seither die Menschen magisch anzieht; ihre Elemente entwickeln sich zusammen mit der bürgerlichen Gesellschaft. Jede wirkliche Fortentwicklung hier verbessert die materiellen Voraussetzungen für die gesellschaftliche Alternative. Marx drückte dies so aus, dass die Arbeiterklasse „keine Ideale zu verwirklichen (habe); sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeoisiegesellschaft entwickelt haben.“ii Marx bezog dies auf die Pariser Commune, die während einer schweren politisch-militärischen Krise als „ruhmvoller Vorbote einer neuen Gesellschaft“ (Marx) entstand, und die nach wenigen Wochen durch eine gemeinschaftliche Aktion der siegreichen preußischen Armee und der militärisch besiegten französischen Armee im Blut ertränkt wurde.
War die Pariser Commune nur ein kurzes Intermezzo, und blieb sie dazu auf Paris beschränkt, so hatten die späteren Emanzipationsversuche bereits nationale, teilweise fast schon kontinentale Dimensionen. Diese im historischen Trend größer und mächtiger werdenden Befreiungsversuche sind nichts anderes als das immer heftigere Anklopfen der noch im bürgerlichen Schoß steckenden, aber mehr und mehr entwickelten neuen Gesellschaft.
2. Bourgeoissozialismus und Staatssozialismus
Sowohl der inzwischen verschwundene Staatssozialismus als auch die dem Kern nach bürgerlichen Konzepte des sozialdemokratischen Sozialismus (vertreten u. a. von der Partei „Die Linke“) zeigen, dass nicht alles eine wirklich umfassende Alternative zur kapitalistischen Krisenökonomie ist, was sich Sozialismus nennt. Es ist die herrschende Klasse selbst, die in der Geschichte vor allem in kritischen Zeiten die Tarnkappe des Sozialismus aufsetzte, um die breite Masse der Bevölkerung zu täuschen.
Der Staatssozialismus blieb in der bürgerlichen Welt stecken, was sich darin zeigte, dass Ware-Geld-Beziehungen, Lohnformen, Staat und dergleichen fortexistierten. Die Arbeit blieb in gewisser Weise entfremdete Erwerbsarbeit. Der unmittelbaren Aneignung der Produktivkräfte stand das Staatseigentum an den Produktionsmitteln entgegen. Weit entfernt, die Arbeitsweise selbst zu revolutionieren, hielt der Staatssozialismus an der bürgerlichen Art der Arbeitsteilung und den darin enthaltenen Gegensatz von Kopf- und Handarbeit fest. Er reduzierte sich auf einen Verteilungssozialismus, der aber nicht nur die Einkommen, sondern darüber hinaus auch die Produktionsmittel ergriff, diese in Staatseigentum verwandelte.
Über den Staatssozialismus
„Was also hat der Sozialismus falsch gemacht?
Wenn der reale Sozialismus in der Reichtumsproduktion den “Wettbewerb” mit dem Kapitalismus verloren hat, so nur, weil er nicht nur die Beschränkungen von Produktion und Produzenten erweitert, sondern auch die Zwänge zur Überwindung der Schranken gemildert hat. Die Arbeit blieb eine Last, aber der Zwang zur Arbeit hielt sich in vergleichsweise mäßigen Grenzen.
Man stelle sich einmal vor, in der DDR z.B. hätte man tatsächlich 1949 mit dem Aufbau des Kommunismus begonnen. Man hätte nicht nur die Privateigentümer der Produktionsbedingungen enteignet, sondern die Produktionsbedingungen vergesellschaftet, die Mittel der Beschränkung in Mittel der individuellen Bewegungsfreiheit verwandelt. Die gesellschaftlich notwendige Arbeit wäre qualitativ und quantitativ bestimmt und ein Arbeitszwang für alle wäre eingerichtet worden. Kein Arbeiter hätte sich dagegen gewehrt. (…)
Jeder Mensch wäre ein Produzent geworden und die notwendige Arbeit für den einzelnen hätte daher auf ein Mindestmaß herabgesetzt werden können. Die Produktivität jeder einzelnen Arbeitskraft, da sie im umgekehrten Verhältnis steht zu ihrer Wirkungsdauer, hätte schon dadurch gewaltig zugenommen. Alle hätten sie reichlich disponible Zeit erhalten und die erforderlichen gegenständlichen Mittel zur Ausbildung ihrer Individualität, zur Muße, zur Bildung oder auch zur Arbeit, also zur weiteren Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit. Und jede Steigerung dieser Arbeitsproduktivität hätte ihre disponible Zeit vermehrt. Sie hätten mit der Gelegenheit zur Reichtumsproduktion auch massenhaft ein Motiv dazu gehabt. Sie hätten nicht, wie ihre Kollegen in den westlichen Nachbarländern, die Produktivkraftentwicklung fürchten müssen, sondern ein Interesse an ihr entwickelt.
Man stelle sich vor, alle DDRler hätten den möglichsten freien Zugang gehabt zu allen Produktionsstätten, also freie Wahl der Tätigkeiten mit der Gelegenheit zum reichlichen Wechsel dieser Tätigkeit. Die universelle Ausbildung und Betätigung der Individuen hätte man also ins Werk gesetzt und damit nichts getan, was nicht längst schon ein Bedürfnis der modernen Produktion geworden ist. Man hätte also die kapitalistische Produktionsweise soweit beseitigt, soweit sie bereits ein Hindernis der Reichtumsproduktion geworden ist. Ohne Frage hätten die Leute nicht nur ein Plansoll erfüllt, sondern regelmäßig übererfüllt; sie hätten jede Menge Mittel hervorgebracht, um weitere Mittel hervorzubringen, zur Produktion und zur Konsumtion. Sie hätten bald nicht einen Mangel zu beklagen, sondern den Überfluß zu regulieren gehabt. (…)
Wer wollte die Knechtschaft in der Ehe, die Unterdrückung der Frau aufrechterhalten, wenn die Zugangsbeschränkungen zu den Quellen der Reichtumsproduktion für alle gefallen wären? Was wäre die bürgerliche Ehe als Zwangsverhältnis denn noch wert, wenn mit der freien Wahl der Tätigkeiten die Voraussetzung geschaffen wäre für die freie Wahl der Partnerschaften? (…)
Dichter und Romanschreiber, die nicht mehr ausschließlich dichten und Romane schreiben, sondern tätig verbunden sind mit der gesellschaftlichen Produktion des realen Lebens. Was könnten sie für Werke verfassen! (…)
Schließlich die Pfaffen. Wer könnte sie zwingen, den lieben langen Tag lang Verschen zu lernen, wenn ihre Existenz nicht mehr abhinge von der Kirche und der Gemeinschaft der Gläubigen. Wie hätten die den Sozialismus begrüßt, statt an seiner Beseitigung zu arbeiten? Und ihre Gläubigen erst, die nicht mehr hätten in die Kirche müssen, Gott zum Gefallen und zum Schutz vor der Stasi. Sie hätten tagein und tagaus ihrem Herrn mit guten Taten dienen können: morgens Rollstühle für die Lahmen und Alten zusammenschrauben, mittags Krankenhäuser für die Kranken bauen, abends die bescheuerten Rituale der Heiden kritisieren; sie hätten in Lebensmittelfabriken arbeiten und auf teufelkommraus Brot für die Welt backen können.
Ein Sozialismus, der die Religion verbietet oder unterdrückt, dagegen Berufspolitiker, professionelle Dichter und Professoren ausdrücklich zuläßt, der muß grundsätzlich etwas falsch verstanden haben.“
David Tiger / Horst Schulz: Kapitalismus - Kommunismus: Ein ignorierter Gegensatz,
http://www.proletarische-briefe.de/?cat=3
Zuerst erschienen in: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 14, Heft 1/00, www.kalaschnikow.de
Anmerkungen:
(1) Marx, Marx, MEW 19, S. 19f
(2) Marx, Klassenkämpfe in Frankreich, MEW 17, S. 343