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Ein Herz für Bankster
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Zur SoZ-Debatte über die Möglichkeit sozialistischer Entwicklungen der ehemaligen DDR
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Serie: Anmerkungen zum Marxschen Sozialismusbegriff (Teil 1/2)
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Von Betonromantik zu Zenit Musik in Sachbüchern




Berlin (Kalaschnikow) - Alles so schön bunt hier, möchte man ausrufen, wenn man den prächtig knuffigen Bildband zur DDR-Rock & Pop-Geschichte aufschlägt. Die Gestaltung des großformatigen Nachschlagewerkes besticht nicht nur durch knallige Farben und schräge Textblöcke, auch die Verwendung von Eintrittskarten, Wimpeln, Karikaturen, Fahnen, Songlisten und natürlich Fotos - zaubert aus dem Ganzen eine lebhafte Musik-Chronik. Von den Anfängen bis zur Auflösung und ein klitzekleines Stück danach wird die Entfaltung des Ostrocks abgerollt, dazu gehören Lipsi (ostdeutsche Antwort auf Rock´n´Roll) und Twist, Folk und Beat, Nina Hagen und Tamara Danz. Gleichberechtigt zur „genehmigten“ Musikkultur kommen die Schattenseiten made in GDR zur Sprache, das Antennenverdrehen gegen Westempfang, das parteitreue Förder- und Genehmigungswesen, die Verfolgung der „Amateurgammler“ und „asozialen Schmutzfinken“ der 60er Jahre und ein absurdes Beispiel für die Bestrafung von Instrumentenbeschaffung – mit Knast. Spielverbote und Überwachung begleiteten von der Staatsgründung an den Alltag vieler Bands. Was heute lustig klingt, war zu den real grauen DDR-Zeiten weniger erfreulich, zum Beispiel, dass am 20. Jahrestag der DDR ein Rolling Stones Konzert auf dem Springer-Hochhaus in Westberlin stattfinden sollte – in den Osten hinein. Allerdings ohne, dass die Stones davon wussten! Über Tausend Jugendliche reisten aus allen Bezirken an, um sie spielen zu hören. „Die Stones erschienen nicht, dafür Hunderte von Sicherheitskräften.“ Der vom RIAS als Späßchen versendete Konzerthinweis sorgte für die Verhaftung von 383 Jugendlichen, weitere 621 wurden erkennungsdienstlich erfasst. Im Bildband ist eine Fotodokumentation dazu zu sehen, diesmal wirklich grau in grau. Dauerhaften Ärger mit den Staatsorganen hatten die Freunde des Blues, Tramper und Hippies - und schließlich die Punks. Der Autor ordnet die Geschichte der Repressionen chronologisch zwischen Karat, Phudys und Silly, Renft, Freygang, Diestelmann und kommt in den 80ern an. „Anders sein...“ ist das Kapitel der Jahre 1981-89 überschrieben.

Lindner weiß, wovon er berichtet, erst 2007 erschien unter seiner Mitwirkung eine hervorragende Publikation zu Punk in der Halleschen Provinz „Von Müllstation zu Größenwahn“. Der Kultursoziologe Lindner entwickelte vor einigen Jahren als wichtigen Beitrag zur Jugendforschung das Generationen-Modell, das u.a. die letzte Generation der zwischen 1965 und 75 geborenen DDR Jugendlichen als die „Distanzierte Generation“ beschreibt. Um diese geht es ausführlich im letzten Kapitel des vorgestellten Bandes. Wieder stehen staatlich zugelassen Kapellen dem Underground gleichberechtigt gegenüber, auch westliche Stars wie Udo Lindenberg, Peter Maffay, Joe Cocker und Bruce Springsteen spielten auf zum Untergang des Landes. Es bröckelte aus allen Fugen. In den evangelischen Kirchen ging der Punk ab, nachdem sich die Hippies und ihre Bands hier ausgetobt hatten. Gründlich recherchiert und in angemessener Farbigkeit kommt das Punk-Spektakel des sterbenden Landes zur Geltung. Dieses Rock&Pop Lexikon wird zum unverzichtbaren Standardwerk zur DDR-Musikgeschichte avancieren, unbedingt kaufen!

Ebenso knackig und farbig kommt die Geschichte des Punk in Deutschland daher, „Keine Zukunft war gestern“, herausgegeben vom Berliner Archiv der Jugendkulturen in Berlin, das nicht nur mit der wohl deutschlandgrößten Sammlung an Fanzines verschiedener Jugendkulturen aufwartet, sondern auch wirklich effiziente Diskussionsveranstaltungen und Tagungen zu Themen der Jugendkultur organisiert. So schreiben denn auch Ex Fanzine-Autoren und Bandmitglieder in dieser Publikation, die sich „waschecht“ anfühlt. Neben ausführlichen und chronologischen Betrachtungen zu Punk in Deutschland gesellen sich Insider-Essays u.a. zu den Themen Punkfrauen, Punks und Rechte, Punk in der DDR. Im dritten Teil des 365 Seiten fetten Bandes finden sich biographische Interviews mit sechs Protagonisten, auch diese angereichert mit flottem Bildmaterial. Im Gegensatz zu theorietisch fundierten Textsammlungen aus dem Hause Ventil/Mainz vereinigt dieser Backstein sehr bildlich die Zeugnisse einer (noch) lebendigen Jugendkultur, die vor allem für eine jüngere Leserschaft einen gelungen Einstieg bietet. „Alt-Punks“ schwelgen in Erinnerungsfluten, hier können ganze Familien gemeinsam blättern und staunen. Tape- und Plattencover, Songtexte, Artikel, Doityourself-Produkte und Konzert-Schnappschüsse sorgen für Aha-Effekte und Weiterbildung auf dem Punksektor. Bandnamen sind fett rosa gesetzt, im Anhang finden sich nützliche Kurzbios der wichtigsten Bands sowie eine Zeittafel.

Das Kapitel zu Punk in der DDR „Born in GDR“ von Jan Sobe entspricht der Wahrnehmung der Westpunks, auf knapp zehn Seiten wird die Geschichte von Verweigerung und Drangsalierung im Osten abgehandelt, das ist leider recht knapp ausgefallen! Ton und Inhalt stimmen, sind rotzig korrekt. Zum weiterlesen sollte jedoch auf die Standardwerke zum Ost-Punk, „Too much future“ und „Wir wollen immer artig sein“ zurückgegriffen werden, auch hier in der umfangreichen Bibliografie erwähnt. Fazit: das bisher beste Bilderbuch zum Thema Punk!

Ja, auch in der Neuauflage der Hippiebibel gibt es Bilder, aber nur sieben in Farbe. Ein Farbfoto zeigt denn auch das Szenefaktotum, den legendären Hirschbeutel. „Bye bye, Lübben City“ besticht durch Text, auf 657 Seiten erfährt der Leser alles, was er über die erste große Subkulturbewegung der DDR wissen muss. Wie sich die Langhaarigen aufmachten, ihre Haare in den Wind zu hängen, wie die ersten Bands hießen, wo sich zu Konzerten und Besäufnissen eingefunden wurde, welche Rolle die Kirche dabei spielte (Bluesmessen) und wie der Alltag eines Blueskunden denn so aussah.

„Das war reines Chaotendasein, Spaß am Vergnügen. Wo du gepennt hast, war egal: in einem Bushäuschen, auf dem Bahnhof, gleich im Saal, oder davor. Mit der Zeit hatten sich selbst die Sicherheitskräfte daran gewöhnt, dass zweimal in der Woche fünfzig, sechzig Leute irgendwo rumliegen. Nächsten Tag waren wir ja wieder weg. Okay, auf dem Zwickauer Bahnhof, da waren regelmäßig Razzien, da hast du dir eben eine Parkanlage gesucht. In den Nestern hatte sich inzwischen die Bevölkerung mit uns abgefunden, es sei denn, jemand hat gegen eine Haustür gekotzt oder in den Flur geseicht. Kam auch vor…“ (aus dem Kapitel Gosse, Wir Waldmenschen, S. 322) Auf den Seiten zu diesem herrlichen Lebensbericht sind u.a. der Gasthof Amor-Saal (legendärer Beat-und Bluesschuppen) und eine Flasche „Deputatschnaps“ (Trinkbranntwein für Bauarbeiter, genannt Kumpeltod) abgebildet. Neben diesen mehr oder prosaischen Erinnerungen stehen über 40 Essays zu fast allen Themenbereichen, die direkt oder indirekt mit Tramps, Hippies und Bluesfreaks zu tun haben. Wie konnte man als DDR-Jugendlicher trampen, wann erschien das erste Bluesbuch in der DDR, was war da eigentlich los auf dem Erfurter Pressefest 1978 und was in der Berliner Zionskirche 1988? Welche Repressalien erlitten Kuttenträger? Unter Sammelbegriffen wie „Ausscheren, Aufbrechen, Ankommen, Auftanken … Anhang“ versammelt dieses wunderbare Kompendium die wichtigsten Zeitzeugen und Zeitzeugnisse der Ära, von Walter Schilling bis Rainer Eppelmann, von Renft bis Freygang. Der Herausgeber und Autor Michael Rauhut, heute in Kristiansand/Norwegen als Professor für populäre Musik tätig, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder als feinfühliger Kenner der Untergrundmusikszene made in GDR bewiesen, von Beat bis Punk. Ein umfangreiches Bandregister sowie 20 Seiten Kutteninterviews (von Froschhaut bis Sonni) runden dieses zeitlose Lesebuch vollendet ab, auch hier besteht der Verdacht auf Familientauglichkeit!

Bernd Lindner, DDR - Rock & POP, Komet Verlag Köln, 2009, 14,95 €

Keine Zukunft war gestern, Punk in Deutschland, Archiv der Jugendkulturen, 365 S., Brlin, 2008, 28 €, www.jugendkulturen.de

Michael Rauhut, Thomas Kochan, Hrsg., Bye bye, Lübben City, Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR, erweiterte Neuausgabe, 657 S., Schwarzkopf&Schwarzkopf, Berlin 2009, 17,90 €

  • Autor: Anne Hahn
    E-Mail: redaktion@kalaschnikow.de
    Abfassungsdatum: 14.02. 2010
    Verwertung: Politmagazin Kalaschnikow
    Quelle: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 14.02. 2010

© 1995 - 2010 KALASCHNIKOW Maximilianstraße 3-4, 13187 Berlin - Kalaschnikow ISSN 1865-2662