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Gestorben wird immer

Aktuelle Sachbücher zum Thema Tod, ernst und weniger ernst gemeint ...




Berlin (Kalaschnikow) - Totenfrauen, das letzte Hemd, Grabwahlverschiebung. Das sind nur drei Beispiele für Begriffe, die ganz selbstverständlich zu unserem neuen, selbstbewussteren Umgang mit Verstorbenen gehören sollten. Es wird Zeit, erledigen wir nicht längst alle alltäglichen Transaktionen selbst? Von Bankgeschäften bis Reparaturen, wir googeln und basteln, haben Pins und Tans, holen mehrere Auskünfte zu jedem Problemchen ein und wissen vor unserem Hausarzt die Diagnose unserer Wehwehchen. Nur im Umgang mit dem Tod überlassen wir anderen wichtige Entscheidungen. Magdalena Köster hilft uns, dass damit endlich aufgeräumt wird. In ihrem Buch Den letzten Abschied gestalten, Alternative Bestattungsformen, beschreibt sie anhand von Fallbeispielen und mit Fachleuten geführten Interviews, wo der Sargdeckel gewaltig klemmt.

Wussten Sie, dass wir in Deutschland das Recht haben, unsere Toten mindestens 36 Stunden lang zu Hause zu behalten? Die meisten Ärzte wissen kaum Bescheid (weniger als ein Viertel von 250 befragten Ärzten), und nur ein Drittel von ihnen ermutigen die Angehörigen dazu, den Verstorbenen noch eine Weile zu Hause zu lassen oder am Bett in der Klinik sitzen zu bleiben. Doch gerade direkt nach dem Tod eines Menschen ist die Trauerreaktion der Verwandten und Vertrauten am heftigsten. „Das widerspricht der unter professionellen Helfern verbreiteten Annahme, die Menschen seien in diesen Tagen völlig betäubt und wie in Watte gepackt. Im Gegenteil betonen fast alle Befragten, dass ihnen diese Zeit ganz intensiv in Erinnerung geblieben sei. Demnach ist ein qualifizierter Umgang aller Beteiligten mit dem Trauerthema für die spätere Verarbeitung des Verlustes von großer Bedeutung.“ In dieser „Schleusenzeit“ sind nach Köster Rituale wichtig, aber auch Hilfe für die Betroffenen, zum Beispiel durch Totenfrauen, die den Verstorbenen waschen, herrichten, kämmen… Totenmasken, Handabgüsse, Fingerprints, von Künstlern gefertigte Särge und Urnen – all dies beschreibt die Autorin nicht nur, im Anhang finden sich links und Adressen rund um die Bestattung. Auch über Gefriertrocknen oder See- und Feuerbestattung bis zur modernen Wahl der Ruhestätte in Friedwald, Ruheforst oder Trauerpark informiert der sehr zu empfehlende Ratgeber. Wie in den Nachbarländern verfahren wird, wie der Verstorbene ein Diamant werden kann und was das alle kostet, findet ebenso Beachtung wie der Umgang mit kirchlichen Ritualen und den Trauerreden.

Weniger ein Ratgeber als ein durch und durch heiteres Buch zur Unterhaltung mit dem Thema Tod bieten Christian Sprang und Matthias Nöllke. Sie haben sich tausende von Todesanzeigen angesehen und die skurrilsten unter dem Titel Aus die Maus, Ungewöhnliche Todesanzeigen vereinigt und mit Kommentaren versehen herausgegeben. Unter Themengruppen wie „Hobby und Freizeit“, „Berufliches“, „Selbstanzeigen“ oder „Hassanzeigen“ verbergen sich Abbildungen von Todesanzeigen mit kurzen erläuternden Texten. Zum Beispiel die Anzeige:
„Ich bin umgezogen

Roland J
14.5.1950-5.1.2006
Meine neue Adresse ist:
Friedhof Rehalp, Forchstraße 384, 8008 Zürich
Urnen-Reihengrab 4276

Über Besuche freue ich mich.“

Klar, hierbei handelt es sich um eine Selbstanzeige. Wenn sich jemand freut, dass ein anderer verstorben ist, kann dies zu ungewöhnlichen Ausbrüchen schriftlicher Art führen, wie folgende Anzeige belegt:
„Rita

Der Tod ist barmherziger
Als Deine Unbarmherzigkeit

Als letzten Gruß
Heini“

Weniger mit Bitterkeit belegt sind Anzeigen, die von der Experimentierfreude der Freunde und Angehörigen zeugen; Gedichte werden gedichtet oder abgeschrieben, wie hier:
Eines Morgens sprach die Made:
„Liebes Kind, ich sehe grade,
da drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hohl. So leb denn wohl!“
Heinz Ehrhardt

Pepe
Peter M
Wir haben einen wertvollen Freund verloren“

Bei anderen Verstorbenen ist allein der Name schon Garant für einen Schmunzler, wie der immerhin 82 Jahre alt gewordene „Leberecht Lange“ beweist.
Aber lesen Sie selbst, besonders eignen sich natürlich beide Bücher zusammen, da sie den Tod rundum betrachten und uns bilden, trösten und erheitern. Nach dem Motto, das Kölner Verwandte ihrem Peter mitgaben; „Alles ist immer.“

Christian Sprang, Matthias Nöllke, Aus die Maus, Ungewöhnliche Todesanzeigen, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2009, 7,95 €

Magdalena Köster, Den letzten Abschied gestalten, Alternative Bestattungsformen, Ch.Links Verlag, Berlin, 2008, 14,90 €

  • Autor: Anne Hahn
    E-Mail: redaktion@kalaschnikow.de
    Abfassungsdatum: 14.02. 2010
    Verwertung: Politmagazin Kalaschnikow
    Quelle: www.kalaschnikow.de
    Update: Berlin, 14.02. 2010

© 1995 - 2010 KALASCHNIKOW Maximilianstraße 3-4, 13187 Berlin - Kalaschnikow ISSN 1865-2662